Schauinslandkönig
Manch männlicher Fahrer hat sich im ewigen Streben nach Gewichtsreduktion und Windschnittigkeit seiner Beinbehaarung entledigt. Manch eine Frau hingegen kultiviert eine solche ausdrücklich, wohl um ihren Gegnern hormonelle Überlegenheit zu signalisieren. Bei dem Starter ein paar Meter rechts von mir wiederum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, er habe seinen Körper aus hochwertig verarbeiteten Einzelteilen custom designed. Karbonskelett oder so.
Die durchtrainierten Fahrer auf ihren schnittigen Velos lassen jegliche Nervosität vermissen: Sie bestehen darauf, sich gegenseitig den Vortritt in Richtung Startrampe zu gewähren; sie witzeln über verpasste Trainingseinheiten; einer gähnt unverhohlen. Ganz schön beängstigend. Denn wer sich angesichts über 800 Höhenmeter auf knapp zwölf Kilometer solche Gelassenheit erlauben kann, muss sich seiner Sache einigermaßen gewiss sein.
Wir befinden uns im Starterfeld zum Schauinslandkönig 2010 und obwohl es sich hier um ein so genanntes Jedermannrennen handelt, muss ich feststellen: Die Teilnehmer stehen allesamt überdurchschnittlich gut im Saft.
Waschechte Einzelbergzeitfahrer eben.
Aber dann gibt es hier noch natürlich noch eine zweite Kategorie Starter. Das sind die ganz Harten. Das sind Männer wie ich. Für Männer wie mich ist der Schauinsland das Hausbergle. Männer wie ich wissen schon gar nicht mehr, wie oft sie den Schauinsland schon hochgesaust sind. Männern wir mir fällt manchmal sonntags früh auf dem Heimweg von Räng Teng Teng in den Stühlinger ganz spontan ein, dass wir noch gar nicht richtig ins Bett wollen. Dann drehen Männer wie ich eben noch schnell eine Runde über den Schaui.
Männer wie ich bezeichnen die Hügel des Schwarzwalds abfällig als „die Halbstarken unter den Gipfeln Europas“. Für uns ist das ganze Königgedöns hier vielleicht eine ziemlich witzige Idee – aber eine ernstzunehmende Herausforderung sieht dann doch noch einmal einen Tick härter aus. Deshalb kurbeln Männer wie ich heute nicht schnöde alleine den Schauinsland hoch. Männer wie ich laden sich noch ein paar Kilo Gepäck hintendrauf. In Form eines lockigen Fünfjährigen, den wir auf seinem gestreiften Puky-Kinderrad an einer Eisenstange hinter uns herschleppen.
Soweit zumindest der Eindruck, den ich zu vermitteln hoffe.
Die Wahrheit sieht ein wenig anders aus. Das Ding gewinnen und mit der Krone auf dem Kopf mit den Kameras der Weltpresse flirten? Das würde mir schon gefallen. Aber von der Bestzeit, nicht einmal eine halbe Stunde, bin ich dann bei realistischer Einschätzung doch noch ein bisschen entfernt. Bei realistischer Einschätzung bin ich eigentlich auch von der Durchschnittszeit, so etwa eine Stunde, ziemlich weit entfernt. Im Frühjahr bin ich den doofen Berg nämlich schon einmal hochgeschnauft. Dabei wurde ich nicht nur alle paar Minuten von lustigen Rennradlern überholt, einmal hielt sogar eine mitleidige Rentnerin in ihrem Opel extra am nächsten Parkplatz an, wartete geduldig auf mich und bot mir dann an, mich samt meinem Fahrrad mit auf den Gipfel zu transportieren.
Solch Mitleid darf mir heute nicht widerfahren und wenn ihr die Wahrheit wissen wollt: Nur deshalb habe ich den blonden Copiloten mit dabei!
Gemeinsam rollen wir von der Startrampe und ich trete los, was das Zeug hält. Alle 15 Sekunden wird ein Fahrer auf die Strecke geschickt – und nach genau fünfundzwanzig Sekunden wird unser Gespann das erste Mal überholt. Nach sechzig Sekunden das zweite Mal. Nach zwei Minuten das dritte Mal. Dann höre ich auf, die Sekunden und die Überholenden zu zählen. Ich muss mich jetzt nämlich ganz auf die verdammte Strampelei konzentrieren.
So ungefähr nach einem halben Kilometer Plackerei ist es allerdings schon wieder vorbei mit dem Konzentrieren. Von hinten höre ich nämlich beunruhigende Geräusche, sie nähern sich besorgniserregend schnell. Ich riskiere einen Schulterblick, erkenne, wie der Typ mit den Karbonknochen von vorhin auf uns zurast – und muss unwillkürlich lachen. Denn wenngleich der Fahrer und sein Velo eine wirklich unverschämt elegante Symbiose eingehen, so machen doch die Geräusche, die er dabei von sich gibt, den guten Eindruck gründlich zunichte. Ich will es mal so formulieren: Der Kerl tritt ungefähr so in die Pedale, wie Monica Seles auf den Ball haut. Aber immerhin, als er an uns vorbeizischt, nimmt er sich die Zeit, die rechte Hand für einen Moment vom Lenker zu lösen und uns ein seinen hoch gestreckten Daumen zu zeigen.
Hat diese Menschmaschine uns gerade Respekt gezollt?
Ich verlangsame meinen Tritt ein wenig, komme endlich ein bisschen zu Atem und nehme mir zum ersten Mal die Zeit, mich nach meinem Passagier umzudrehen. Nicht nur, dass der da hinten auf seinem angehängten Fahrrad tapfer mitstrampelt: Im Gegensatz zu mir trägt er dabei auch ein entspanntes Lächeln im Gesicht. Er summt sogar vergnügt vor sich hin. Und er findet die Zeit, jedem einzelnen der uns im 15-Sekundentakt überholenden Gegner aufmunternd zuzuzwinkern.
Dank des charmanten jungen Herrn an Bord fliegen uns tatsächlich die Herzen aller Mitradler zu. Jeder zweite verlangsamt sogar kurz seinen Tritt, um ein paar Worte mit uns zu wechseln: Gebt alles, ihr schafft das bestimmt! Da oben wird’s flacher! Oder an die Adresse des rückwärtigen Rennfahrers: Gut machst du das, immer schön anschieben! Und dann endlich die Worte, die unmissverständlich und exklusiv an mich gerichtet sind: Mensch, Respekt, Junge! Das muss ja ganz schön schwer sein! Mit dir wollte ich jetzt aber bestimmt nicht tauschen!
Und das ist der Moment, in dem auch ich endlich verstehe, dass mein eiskaltes Kalkül voll aufgegangen ist. Ungefähr so hatte ich mir das vorgestellt: Wie immer fallen wir gnadenlos zurück – aber heute werden wir dabei ausnahmsweise einmal beglückwünscht…
Danke, Nicolas! Du bist mein Schauinslandkönig!
Ach, was bin ich den Schaui immer hochrandaliert, danke für den Artikel! Gruss an deinen blonden Engel!
(Die schnellen ham ne halbe stunde gebraucht! Süss)
eben entdeckt und hin und weg darüber das Steher-Gespann als meine
nächsten Blutsverwandten bezeichnen zu dürfen!
Auch die Sprache gefällt mir. Ic h weiss bloß nichts mit dem Karbonpedaler anzufangen.
Und eine Frage wer benützt Jan Ulrich als Pseudonym? Oer war ers wirklich?
Wäre die Kasparine kein Skorpion, sondern ein Steinbock, dann wüsste sie, was Karbon ist. So wie diese beiden http://www.graubuenden.ch/fileadmin/files/video.php?lang=de&mediaID=209